Diversity München
 
Für Eltern
Umfeld

Inhalt:
Die meisten Eltern werden überrascht
Homosexuelle Orientierung wird nicht erwartet
Jugendliche mit homosexuellen Neigungen erleben sich als Störfall
Wut, Trauer, Selbstzweifel
Schuldgefühle und Gewissenskonflikte
Akzeptanz der eigenen Bedürfnisse
Je nach Persönlichkeit leiden Körper und Seele
Aber es gibt immer häufiger auch andere Erfahrungen
Vor sich und anderen bestehen


Die meisten Eltern werden überrascht

Das setzt nämlich voraus, dass sich Eltern und Erzieher mit Sexualität, also auch mit Homosexualität auseinandergesetzt haben, dass sie Informationen aufgenommen, Vorurteile abgelegt und sich zumindest einmal Gedanken gemacht haben, wie es wäre, wenn ihr eigenes Kind eine andere sexuelle Orientierung entwickelte. Die meisten Eltern werden jedoch von der Tatsache überrascht, dass ihr Kind homosexuelle Neigungen entwickelt. Weil Homosexualität mit Ängsten und manchmal mit Horrorphantasien verbunden ist, oder vielleicht auch einfach gar nicht daran gedacht wird, werden Signale über sehen, die auf eine andere sexuelle Entwicklung hinweisen können. Die meisten Eltern nehmen allenfalls wahr, dass sich ihr Kind "irgendwie verändert".

 

"Peter war eigentlich immer ein aufgewecktes, fröhliches Kind. Alle mochten ihn gern, weil er auf Menschen zuging. Schüchternheit kannte er nicht. Diese gewinnende Art hat er von meinem Mann, einem sehr geselligen und offenherzigen Menschen, geerbt. Auch äußerlich ähneln sie sich sehr. Mein Mann ist ein Typ wie Robert Redford. Beide waren richtige Sonnyboys. Deshalb waren wir auch so überrascht und gleichzeitig verunsichert, als Peter mit 14 oder 15 Jahren zusehends stiller wurde. Er ging immer seltener zum Sport, interessierte sich plötzlich mehr für Musik und Bücher. Er zog sich stundenlang in sein Zimmer zurück, las oder hörte Schallplatten. Wenn wir Besuch hatten, ließ er sich nicht mehr blicken. Er kapselte sich regelrecht ab. Natürlich machten wir uns Gedanken, sprachen ihn darauf an. Doch er gab uns nie eine wirkliche Antwort, redete sich meist nur heraus. Heute weiß ich, dass er in dieser Zeit zum ersten Mal spürte, dass ihn Jungen mehr anzogen als Mädchen. Mit seiner Musik und seinen Büchern versuchte er, mit den auftauchenden Problemen fertig zu werden. Doch von alledem ahnten und wussten wir damals nichts. Wir waren einfach nur besorgt. Anfangs hielten wir es nur für eine normale Pubertätserscheinung. Doch als es immer schlimmer wurde, beschloss ich, mit meinem Sohn zu sprechen, richtig ernsthaft und in Ruhe. Damit hab ich damals alles falsch gemacht. Peter fühlte sich durch mein Insistieren nur noch mehr unter Druck gesetzt, wurde zunehmend introvertierter. Die Folge war, dass ich an das Kind überhaupt nicht mehr herankam. Er ging mir regelrecht aus dem Weg, zeigte fast schon auf beleidigende Art, dass er mit mir nicht zusammen sein wollte. Freunde hatte er in dieser Zeit kaum, jedenfalls besuchte ihn niemand mehr. Ich habe damals auf- gegeben, nicht mehr auf ihn eingeredet. Ich wollte ihm Zeit lassen, von selbst zu kommen, ließ ihn jedoch wissen, dass ich immer für ihn da wäre. Es dauerte ungefähr ein Jahr, bis er es wohl nicht mehr aushielt. An einem Abend in seinem Zimmer gestand er mir, dass er glaube, homosexuell zu sein." (Mutter, 46 Jahre)


Homosexuelle Orientierung wird nicht erwartet

Oft ist also unklar, warum sich ein Kind so verändert, entweder aggressiver wird oder sich völlig zurückzieht. Manches wird zunächst den "ganz normalen Pubertätserscheinungen" zugeschrieben, von denen die Eltern wissen, dass sie mit der emotionalen Umbruchsituation, mit der Loslösung von zu Hause und der Suche nach neuen Orientierungen zu tun haben. Doch wenn die Schwierigkeiten zu groß werden oder lange anhalten, tauchen in der Phantasie alle möglichen Ursachen auf, "von denen man schon mal gehört hat": Drogengebrauch oder auch Mitgliedschaft in einer Sekte oder...? Die Möglichkeit der homosexuellen Orientierung wird meist nicht in Betracht gezogen.


Spannungen in der ganzen Familie Nicht selten führen Konflikte mit dem Kind zu Spannungen in der ganzen Familie oder im engeren persönlichen Umfeld. Die Atmosphäre wird gereizter, die Spannungen wachsen, auch zwischen den Erwachsenen, meist den Eltern, weil der Vorwurf nahe liegt, dass "falsche Erziehung" die Ursache sei.


Jugendliche mit homosexuellen Neigungen erleben sich als Störfall

Erste Erklärungsmuster verhärten sich schnell zu scheinbaren Gewissheiten, und die Situation ist festgefahren. In solchen Situationen hilft alles, was Entlastung schafft, was Nachdenken ermöglicht. Vielleicht erst mal durch Distanz, durch Loslassen - sowohl voneinander als auch von den Erklärungsversuchen und Schuldzuweisungen. Es hilft, sich bewusst vor Augen zu führen, dass weder Kind noch Eltern "aus heiterem Himmel" oder aus Böswilligkeit Störungen verursachen. Es lohnt sich, von der Gewissheit auszugehen, dass meist eine Not dahinter steckt, die nicht sofort sichtbar wird, weil sie mit sehr persönlichen Dingen zu tun hat.

Ein Junge oder Mädchen mit homosexuellen Neigungen erlebt sich oft im Kreis der Bezugspersonen als "Störfall". Eltern haben es oft schwer, sich freizumachen von der "Selbstverständlichkeit", dass ihre Tochter sich für Jungen und ihr Sohn sich für Mädchen interessiert. Zwar erwarten nicht mehr alle den gradlinigen Lebensweg des "Verliebt - Verlobt - Verheiratet", vielleicht sogar Enkelkinder. Eltern sind heute durchaus auf allerlei Überraschungen gefasst, die ihnen die Kinder bescheren - aber Homosexualität gehört selten dazu.


Wut, Trauer, Selbstzweifel

Die Kinder spüren das, fürchten die Wut und Trauer der Mutter oder des Vaters, das Hin und Her der Vorwürfe und zerfleischenden Selbstzweifel, und halten sich deshalb meist sehr lange zurück mit Hinweisen auf ihre "anderen" Gefühle.

Die Angst ist zu groß, unverstanden zu bleiben, nicht mehr geliebt zu werden, die Familie oder die Eltern auseinander zu bringen, vielleicht sogar ausgestoßen zu werden.

Die meisten Jugendlichen versuchen zunächst, die Ahnung, das drohende Problem, "anders" zu sein mit sich selbst auszumachen, den Konflikt in sich zu verschließen, sich abzukapseln.

"Lieber Gott, mach, dass es nicht wahr ist!" - Das "Coming-Out" ("Herauskommen") ist meist ein schmerzlicher, krisenhafter Prozess, verbunden mit viel Abwehr und vielen Versuchen, dem Problem aus dem Weg zu gehen - selten gleich ein entlastender und befreiender Schritt.

Die eigenen Vorurteile sitzen tief und werden durch die Umgebung genährt. Die allzu üblichen Vorstellungen von Homosexuellen, die vielen Negativ-Klischees, erschweren eine Annahme der eigenen Gefühle. Denn so zu sein wie z. B. die Tunte im Schwulenwitz oder die Männerhasserin, ist nicht gerade ein attraktives Selbstbild. Die Furcht ist groß, als unweiblich, unmännlich zu gelten.


Schuldgefühle und Gewissenskonflikte

Es entstehen Schuldgefühle, wenn die erwartete "Normalität" sich nicht einstellt. Die gleichgeschlechtliche Lust und das Verbot, ihr nachzugeben, haben Gewissenskonflikte zur Folge, die ungewisse Zukunft macht Angst.

"Eigentlich war ich keine Kirchgängerin, vielleicht ein bisschen religiös noch, aber gebetet hatte ich schon lange nicht mehr. Doch als es immer mehr zur Gewissheit wurde, als kein Verleugnen, Verdrängen, kein selbstverschriebener Umpolungsprozess mehr half, habe ich nur noch gebetet: 'Lieber Gott, mach, dass es nicht wahr ist!' Ich habe mich in der Straßenbahn dabei erwischt, laut und vernehmlich vor mich hin zu reden, in Gedanken versunken: 'Nein, nein!' Ich hab' mich tierisch erschrocken danach. Aber es ging mir nicht aus dem Kopf: Irgendeine äußere Macht, Gott, sollte mir helfen. Ich versprach dem Himmel alles mögliche, wenn er nur macht, dass ich normal bin, diese quälende Leidenschaft loswerde, die ich anderen Frauen gegenüber verspürte. Die Haltung der Kirche kannte ich: Nachsichtig soll man mit mir umgehen, denn schließlich könne ich nichts für mein Schicksal. Ich hörte es während einer Diskussion im Fernsehen. Nur ausleben durfte ich das nicht, denn auch nicht jede Kleptomanin dürfe ihrer Neigung nachkommen und einfach andere beklauen. 'Stimmt' sagte mein Vater damals, und damit wusste ich, dass sie alle zusammen halten. Ich hatte ihnen den Hals umdrehen können, bin raus gelaufen. Und dann war es wieder da, das quälende Gefühl vielleicht doch nichts wert zu sein, einer Laune der Natur zum Opfer gefallen zu sein - angewiesen auf die Barmherzigkeit anderer - wie ein Behinderter." (weiblich, 19 Jahre)


Akzeptanz der eigenen Bedürfnisse

Es geht bei solchen Konflikten nicht nur um die sexuelle Identität und Akzeptanz der eigenen Bedürfnisse. Es geht ums Ganze: Zerstört ist schnell jede Form von Selbstbewusstsein und Selbstachtung. Es sei denn, es existieren schützende Rückzugsmöglichkeiten, vor allem offene und liebevolle Beziehungen, in denen die Menschen der Umgebung so viel Zuwendung und Anerkennung geben, dass das eigene sexuelle "Andersein" damit "aufbauend" bewältigt werden kann. Doch das ich auch heute noch allzu selten.

Die meisten Jugendlichen versuchen zunächst, ihre homosexuellen Gefühle zu verdrängen, stürzen sich in heterosexuelle Beziehungen oder, versuchen im Gegenteil, Sexualität aus ihrem Leben auszuklammern.

Andere spielen ihren Mitmenschen etwas vor, verstellen sich und leben heimlich in Tagträumen, mit ihren Tagebüchern oder in gelegentlichen realen, versteckten Begegnungen ihre Sehnsüchte aus. Aber das ist auf Dauer kaum auszuhalten.


Je nach Persönlichkeit leiden Körper und Seele

Oder sie führen ein Doppelleben in zwei Welten, die voneinander streng getrennt sind. Natürlich schließt das langfristige ganzheitliche Liebesbeziehungen aus. Die können erst gar nicht entstehen, so dass sexuelle Kontakte auf schnelle Begegnungen beschränkt bleiben.

Alle diese Vermeidungsformen bleiben also unbefriedigend, schädigen das Selbstwertgefühl zunehmend, verstärken die innere Zerrissenheit. Je nach Persönlichkeit leidet der Körper die Seele leiden die Beziehungen, sind Süchte und Depressionen möglich. Wie wir heute wissen, steigt leider auch Gefahr stark, sich selbst das Leben nehmen zu wollen.
 

"Zwei Jahre war ich mit Ulla zusammen. Niemand ahnte etwas davon, und wir hatten beide panische Angst davor, entdeckt zu werden. Ich wusste, diese Freundschaft war genau das Richtige für mich, aber der pausenlose Druck von Familie und Kollegen machte uns zu schaffen. Unser Selbstbewusstsein war nicht ausreichend, um möglichen Diskriminierungen standzuhalten. Daran lag es wohl auch, dass ich nach unserer Trennung versuchte, wieder ein 'normales' Leben zu führen. Ich ließ mich mit einem Kollegen ein, der schon lange um mich als 'Ungebundene' warb. Diese Beziehung war die Hölle. Ich wusste ja, wo meine wahren Bedürfnisse liegen, aber ich zwang mich, mit einem Mann zusammen zu sein. Diese Zwickmühle zerstörte mich vollkommen. Im Januar 1979 wurde ich mit einem Nervenzusammenbruch in die Psychiatrie eingeliefert, und erst dort machte mir die Ärztin klar, wie sinnlos mein Verhalten war." (weiblich, 39 Jahre)


Aber es gibt immer häufiger auch andere Erfahrungen

"In unserer Schülergruppe sind eine ganze Menge Jugendlicher, denen das längst nicht mehr so schwer fiel. Mir, stinkt sowieso, dass immer nur über Diskriminierung und Angst geredet wird, als ob wir Lesben ständig nur zu Hause die sitzen und ins Kissen weinen! Es kommt doch darauf an, was man draus macht!" (weiblich, 15 Jahre)


Vor sich und anderen bestehen

Glücklicherweise wird heute Homosexualität immer öfter als das angesehen, was sie ist: eine Spielart von Liebe und Sexualität, die zwar gängige Vorstellungen durcheinander bringt, aber von zunehmend mehr Menschen akzeptiert oder zumindest toleriert wird. Jugendliche mit homosexuellen Impulsen hören, lesen, sehen heute immer wieder, dass sie nicht krank sind, nicht schuldig, nicht vom Schicksal geschlagen und aussätzig. Jede aufklärende Fernsehsendung, jeder informierte Lehrer, jeder Hinweis durch (und auf!) geschulte Jugendberater, vor allem aber aufgeklärte und liebende Eltern verstärken die Chance, dass auch homosexuelle Jugendliche die Achtung vor sich selbst und die Anerkennung durch andere nicht verlieren.

 

"Mein Sohn hatte folgendes Erlebnis: Die Lehrerin kam nach der Pause in die Klasse und schrieb an die Tafel: 'Du schwule Sau'. Dann setzte sie hin und harrte der Dinge, die da kamen. Natürlich erst Gekicher, Verunsicherung und alles mögliche, denn das war natürlich eine Provokation. Und dann fragte ein Schüler: 'Ja, was soll das denn?', und da sagte sie: 'Ja, das wollte ich euch jetzt fragen, das habe ich gerade gelesen, an die Wand geschmiert.' Es war, glaube ich die Kunstlehrerin, und mein Sohn war damals zwischen 14 und 16, es war also zu einer Zeit, wo wir es noch nicht wussten, er aber bereits für sich, und dieses offene Umgehen, die Diskussion, die dann folgte, das hat ihm viel geholfen." (Mutter, 47 Jahre)
 

Jugendliche, die auf diese Weise ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl stärken konnten, finden Freunde oder Freundinnen, denen sie sich anvertrauen können, finden die notwendigen Informationen über Homosexualität, die sie stützen.


Aktuelles:

Montag 30. Januar 2012 Vollversammlung am 12.02.2012 um 13:00Uhr

Liebe Mitglieder, Liebe GruppenleiterInnen von diversity, die ordentliche Vollversammlung von diversity findet statt am Sonntag, den 12.02.2012 um 13:00 Uhr im LesBiSchwulen Jugendzentrum (Blumenstr. 11, 1. OG, 80331 München). ...[mehr]

Montag 30. Januar 2012 Mitgliederversammlung am 12.02.2012 um 12:00Uhr

Liebe gewählte Mitglieder, Liebe Mitglieder des Verwaltungsrates, Liebe Fördermitglieder von Gleich & Gleich - LesBiSchwule Jugendhilfe e.V., die ordentliche Mitgliederversammlung von Gleich & Gleich - LesBiSchwule...[mehr]

Montag 09. Januar 2012 JUNGS-Winterfahrt vom 24. - 26.02.2012

Willst Du ein schönes Wochenende mit den JUNGS verbringen? Dann bietet Dir die JUNGS-Winterfahrt nach Bayreuth vom 24. - 26.02.2012 die Gelegenheit dazu.

 

Mehr Infos

 

Anmelden kannst Du Dich ab sofort und bis 17.02.2012 über...[mehr]