Inhalt:
Ein eigenes, anderes Rollenverhalten ermöglichen
Muss ein Junge ein "richtiger Mann" werden?
Eingesperrt in den Männlichkeits-Panzer
Disziplinierung der Gefühle kann krank machen
Gesunde Vielfalt
Weg der kleinen Schritte
Sich annehmen, sich wohl fühlen
Eigene Gefühle und äußere Erwartungen
Rollenverhalten: Manchmal nur vorübergehend und oberflächlich, oft aber auch langfristig und tief greifend.
Rollenbilder entwickeln sich: mal vorübergehend, mal langfristig und tief greifend![]()
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Ein eigenes, anderes Rollenverhalten ermöglichen
"Ich hab' lange nicht daran gedacht, wie ich wirklich als Kind gewesen bin, Ich meine nicht, wie ich so nach außen hin aufgetreten bin, sondern wie ich gefühlt habe, was mir weh getan hat, wovor ich Angst hatte. Eigentlich kam ich ganz gut klar in der Schule - und ich glaube, auch schon früher, im Kindergarten war ich so ein 'richtiger Bengel', wie meine Mutter mich immer nannte. Ich war blond, kurze Haare, mit viel Energie und ziemlich frech. Alle hatten eigentlich Respekt vor mir, und wenn nicht, hab' ich ihn mir verschafft. Irgendwann war ich wohl genau so, wie mich die anderen sahen und wollten. Und gleichzeitig kann ich mich erinnern, dass das verdammt schwer war, so weit zu kommen: sich durchzusetzen, als richtiger Junge zu wirken. Natürlich hab' ich geheult, aber nur, wenn ich alleine war. Ich hab' schon mitgekriegt, wie mich der Bandentrottel mit den Augen flehend um Hilfe bat, während ihn unsere 'Haudegen' mit Füßen malträtierten. Aber das hochschießende Mitgefühl, die eigenen Tränen in den Augen habe ich ganz schnell runtergedrückt, bin einfach weggegangen. Cool-sein war angesagt. In der Bande sowieso und zu Hause war's mein Vater, der in die gleiche Kerbe schlug: 'Er ist doch ein Junge und muss sich durchsetzen können. Er soll doch kein Schlaffi werden!' hörte ich meinen Vater mal sagen. Und irgend wie hat sich der Satz eingeprägt bei mir - ganz tief - wie so eine innere Eingebung, von der ich nicht mehr loskam. Mutter war nicht so - aber die war irgendwann nicht mehr so wichtig." (männlich, geb. 1981)
Eltern wollen, dass sich ihre Kinder behaupten können und nicht untergehen beim Gerangel um Wertschätzung und Beachtung. Sie kennen den eigenen täglichen Konkurrenzkampf und wünschen, dass auch ihre Kinder später damit zurechtkommen. Sie sollen keine Außenseiter werden, keine "Schlaffis", die getreten werden, sondern lieber auf der Seite der Gewinner stehen. "Las dir nichts gefallen!" "Wehr' dich - dann musst du eben einmal zurückschlagen, um dir Respekt zu verschaffen!" Die Gewaltspirale dreht sich, Aggression wird mit Gegenaggression beantwortet.
Immer den Helden spielen: Wir Erwachsenen, vor allem Vater, vergessen leicht, wie anstrengend das damals war, den Helden zu spielen, obwohl die Knie vor Angst schlotterten. Der Preis war hoch für die vorgespielte Stärke. Und doch ziehen auch viele von denen, die sich erinnern können, immer wieder die gleichen Konsequenzen: es nämlich von ihren Söhnen wieder zu verlangen.
Das ist kein guter Nährboden für eine Geschlechtsrollenerziehung, die bei Jungen "weichere" Qualitäten wecken und Mädchen mehr Durchsetzungsvermögen vermitteln will.
Muss ein Junge ein "richtiger Mann" werden?
Junge zu sein heißt, ein "richtiger Mann" werden zu sollen und sich sehr anstrengen zu müssen, um als ein solcher zu gelten. Mit Disziplin, Selbstkontrolle und Verzicht werden jene Verhaltensweisen unterdrückt, die als mädchentypisch gelten. Als Gewinn wird "Herrschaft" versprochen, zu den Gewinnern zu gehören, über den Mädchen zu stehen.
Eingesperrt in den Männlichkeits-Panzer
Alles das hat seinen Preis. Eingesperrt in den MännlichkeitsPanzer sind nicht nur Männer, auch schon Jungen - oft nicht mehr in der Lage, Verhaltensweisen zu finden, die sie wieder ins Gleichgewicht bringen könnten: Genießen, sich entspannen, ausruhen sich jemandem anvertrauen. Loslassen und sich hingeben tut auch Jungen gut.
Für die Sexualität bedeutet das zum Beispiel, dass auch hier Leistung angesagt ist, obwohl die damit verbundene Versagensangst einer befriedigend erlebten Sexualität oft entgegensteht Jungen meinen, die Wissenden Aktiven, Erfolgreichen sein zu müssen. Minderwertigkeitsgefühle und Kommunikationsprobleme sind dann schon vorprogrammiert. Vor allem bleiben Erfahrungen von Entspannung, Loslassen, sich hingeben und Geborgenheit aus, die für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung wichtig sind. Jungen lernen zu kämpfen: um Positionen in der Freundschaftsgruppe und natürlich um ihr Bild, das andere sich von ihnen machen. Doch können sie dem scheinbar "richtigen" Männerbild kaum entsprechen und ihm vielleicht nur durch Bluff oder besonders auffallend männliches Verhalten nahe kommen. Eine anstrengende Übung, und gefährlich für sie selbst und für andere.
Disziplinierung der Gefühle kann krank machen
Für sie selbst gefährlich, weil der ständige Stress, anders sein zu müssen als man wirklich ist, die Disziplinierung der Gefühle und der Mangel an Entlastung krank machen können, manchmal auch einsam, aber kaum glücklich.
Für andere kann die typisch männliche Jungenerziehung gefährlich werden, wenn das Bedürfnis nach Stärke und Überlegenheit sich gegen Schwächere wendet. Oft merken die Jungen sehr wohl, dass ihr Herrschaftsgebaren hohl wird, weil die Mädchen nicht mehr mitmachen, weil Körperkraft nicht mehr überall gefragt ist und sie angesichts der fehlenden klaren Lebensperspektive nicht einmal das eigene Leben "unter Kontrolle" haben. Das weckt Ohnmachtsgefühle, die manchmal, gewaltsam ausgelebt werden - vor allem dort, wo Menschen besonders verletzbar sind, in der Sexualität zum Beispiel.
Gesunde Vielfalt
Das alles müsste nicht so sein Menschen werden "runder" in ihrer Persönlichkeit und auch gesünder, wenn sie:
- sich disziplinieren und loslassen können,
- selbständig sind und Hilfe annehmen,
- Körperkraft spüren, aber nicht als Form der Konfliktregelung,
- den Verstand gebrauchen und Gefühle zulassen, je nach Anlass und Situation.
Eltern können viel zu einer gelingenden Entwicklung beitragen, wenn:
- Väter und Mütter etwas mehr von der ganzen Breite ihrer Qualitäten zeigen und vormachen, dass beide Verstand und Gefühle haben, selbständig und fürsorglich sind,
- nicht nur die Leistung gefragt ist, sondern das persönliche Befinden wichtig genommen wird,
- viel Körperkontakt gepflegt wird unter Beachtung der Schamgrenzen und sorgfältiger Beachtung der Wünsche auch nach Abstand beim anderen,
- Hilfe, Nachgeben, Wartenkönnen, Einfühlung, Geduld und Sich-Kümmern als Stärken anerkannt sind.
Weg der kleinen Schritte
Aber niemandem gelingt das so ohne weiteres und schon gar nicht von heute auf morgen. Besser als die "große Veränderung" sind die kleinen Schritte in die gewünschte Richtung. Vielleicht können auch diese Seiten Sie dabei unterstützen. Vielleicht stellen Sie einmal ein paar kritische Fragen an sich selbst:
- Verlangen Sie unbewusst von Ihrem Sohn doch eher das "Sich-Zusammen-reißen" als von der Tochter?
- Sehen Ihre Kinder auch mal, dass ein Mann im Arm einer Frau liegt und nicht immer umgekehrt, dass die Frau den Wagen genauso häufig steuert wie der Mann?
- Überlassen Sie als Frau letztendlich doch die technischen Reparaturen im Haushalt dem Mann und flicken Sie die Hosen der Kinder?
- Begleiten Sie die Tobereien Ihres Sohnes nicht doch eher mit Anerkennung als das "Außer-Rand-und-Band-Sein" der Tochter?
- Schmunzeln Sie als Mann nicht in sich hinein, wenn Ihr Sohn seiner Mutter eine witzig-freche Abfuhr erteilt?
- Werden Sie als Mutter nicht oft vom Charme ihres kleinen "Haudegens" gefangen, statt deutliche Grenzen zu setzen?
Die Liste der Fragen ließe sich beliebig verlängern. Die Summe solcher "Kleinigkeiten" im Alltag ergibt - wenn sie in die gleiche Richtung weisen - meist das dann später einseitig erscheinende Rollenbild.
Sich annehmen, sich wohl fühlen
Die meisten Menschen fühlen sich wohl, wenn sie mit sich selbst und ihrer Umgebung im Einklang sind, manches mit vielen anderen gemeinsam haben, einiges nur mit den ihnen vertrauten Personen, und wenn sie über ein paar eigene Besonderheiten verfügen, die sie als unverwechselbare Persönlichkeiten auszeichnen.
Es geht um das Grundgefühl, mit sich selbst und der eigenen Lebenswelt im Einklang zu sein als ein "Sich-Mögen".
Eigene Gefühle und äußere Erwartungen
Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein setzen sich aus vielen verschiedenen Anteilen zusammen. Sie verändern sich durch Erfahrungen, durch die Auseinandersetzungen damit und dadurch, wie Bedürfnisse, Gefühle, Gedanken mit äußeren Erwartungen und Zwängen vereinbart werden können. Bei Problemen gerät das erreichte persönliche Gleichgewicht in Bewegung.
Rollenverhalten: Manchmal nur vorübergehend und oberflächlich, oft aber auch langfristig und tief greifend.
Dies gilt gerade auch für die Ausformung von Rollenbildern und die Entwicklung der sexuellen Orientierung. Das alles kann von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich aussehen:
- Es gibt Mädchen, die Jungen anmachen und ihre sexuellen Vorlieben aktiv zum Ausdruck bringen, andere Mädchen lassen sich auch wenn sie manche Jungen damit verschrecken lieber umwerben und reagieren auf die Angebote der Jungen.
- Manche Jungen fühlen sich erst dann ernst genommen, wenn sie sich stark, aktiv und potent zeigen und Mädchen genau das an ihnen schätzen.
- Andere Jungen legen mehr Wert auf Zuneigung, Vertrauen und Liebe, bevor sie mit einem Mädchen schlafen wollen.
- Einige Jungen sind richtig ineinander verliebt, sehnen sich in die Nähe des anderen und genießen seine körperliche Nähe, ohne sexuelle Erregung zu spüren und Lust auszuleben.
- Mädchen pflegen oft innige zärtliche Freundschaften untereinander, hüten Geheimnisse und teilen alles, was ihnen wichtig ist, ohne dabei körperliche Erregung zu erleben.
- Einige wagen bewusst Zärtlichkeiten und körperlich erregende Kontakte zu Mädchen und Jungen, wollen sich aber nicht festlegen.
Rollenbilder entwickeln sich: mal vorübergehend, mal langfristig und tief greifend
Zunehmend trauen sich Jungen und Mädchen mit homosexuellen Gefühlen und Wünschen, vor sich selbst und der Umgebung zu ihrer Sexualität zu stehen. Viele suchen bewusst Freundesgruppen und Gleichgesinnte, die ihre Identität stützen. Sie bezeichnen sich dann oft bewusst als "Schwule" und "Lesben", um damit zu zeigen, dass sie sich ihrer Gefühle nicht schämen.
Manche Jugendliche wissen nicht recht, zu wem sie sich mehr hingezogen fühlen und probieren sich aus. Nicht immer ist dies selbstbewusst. Daher bekämpfen oder verstecken viele ihre homosexuellen Impulse. Oder sie distanzieren sich sogar aus Angst vor Ablehnung durch die Eltern, die Lehrer oder Freunde heftig von anderen Homosexuellen, die offen zu sich stehen.
Viele Jungen und Mädchen sind mal aktiv, mal passiv, mal romantisch-zärtlich, mal herausfordernd-sinnlich. Je nachdem, wie ihnen gerade zumute ist und was die Situation zulässt.
Bei allem geht es um das Abwägen eigener Gefühle, Wünsche und Wert Vorstellungen mit den Erwartungen anderer und den Möglichkeiten der jeweiligen Situation. "Aus der Rolle fallen" heißt dann oft, Erwartungen der Umgebung zu "enttäuschen", um sich selbst etwas näher zu sein.
Aus der Rolle fallen kann schmerzhaft sein. Das gelingt nicht immer ohne Auseinandersetzung, Umwege und leidvolle Erfahrungen, aber heute zunehmend selbstbewusst und selbstverantwortet. Vor allem entspricht es der Vielfalt von Leben: Denn Leben ist biologisch, seelisch, sozial und materiell bestimmt; es ist weiblich und männlich, hetero-, bi- und homosexuell, jung und alt, behindert und nicht behindert und vieles mehr. "Achtung vor dem Leben" heißt: Achtung der Würde sowie der körperlichen und seelischen Lebenswelt eines jeden Menschen.
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